Seit wann gibt es eine "Kindheit"?

 Ältere Forschungsliteratur behauptet, dass Erwachsene Kinder früher, zum Beispiel im Mittelalter, als kleine Erwachsene betrachtet hätten. Sie hätten ihnen deshalb keine liebevollen Gefühle entgegengebracht. Neuere Ergebnisse der Geschichtsforschung zeigen, dass Kinder sehr wahrscheinlich schon immer geliebt, aber gelegentlich auch als anstrengend empfunden wurden. Trotzdem hält sich die ältere Theorie und beeinflusst so auch das Bild einer „guten“ Kindheit.

„Kinder gab es nicht schon immer, jedenfalls nicht nach unserem heutigen Verständnis. Lange galten 9- oder 11-Jährige als zu kleine Erwachsene.“

„Die Geschichte der Kindheit ist ein Albtraum, aus dem wir erst vor Kurzem aufzuwachen begonnen haben. Je weiter man in die Geschichte zurückgeht, desto geringer ist der Grad der Kindesfürsorge und desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass man Kinder tötete, aussetzte, schlug, terrorisierte und sexuell missbrauchte.“

Diese Sichtweise auf die Kindheit „früher“ wird noch immer auch in Fachbüchern vertreten. Sie stammt aus den 1960er und 1970er Jahren, als sich viele Menschen mit der Geschichte der Kindheit beschäftigten. Zu dieser Zeit ging es darum, die Kindheit besser zu machen nach den schlimmen Auswüchsen der Kinderarbeit in den frühen Stadien der Industrialisierung und den Gräueln des Nationalsozialismus, der auch die Kindererziehung für sich vereinnahmt hatte.

Philippe Ariès war der 1960 erste, der sich mit der Geschichte der Kindheit beschäftigte. Er machte darauf aufmerksam, dass Kindheit nicht immer gleich abläuft. Oft lief sie früher (und heute in anderen Kulturen auch noch) als sogenannte traditionale Kindheit ab: Kinder erlebten den Alltag ihrer Eltern und der Nachbarschaft mit, die Arbeit, die Feste. Sie erledigten je nach Alter und Geschlecht verschiedene Arbeiten und ahmten im Spiel die Erwachsenen nach. Das war sinnvoll, denn als Erwachsene sollten sie das tun, was ihre Eltern ihnen vorlebten, Bauern sein oder Handwerker, einen Haushalt führen und Kinder großziehen.

Das andere Extrem ist die heutige Kindheit, die moderne Kindheit, in der alles, was Kinder für die Zukunft lernen müssen, durch Unterricht beigebracht wird. Kinder haben wenig Einblick in das, was Erwachsene tun. Sie halten sich in speziellen Räumen auf, in denen sie wenig selbstbestimmt spielen, neugierig sein und sich bewegen dürfen.

Dies wird auch von der neueren Geschichtsforschung bestätigt. Nur: Ariès und andere waren der Meinung, dass in der traditionalen Kindheit Eltern und andere Erwachsene Kindern gegenüber gleichgültig waren, ihnen wenige Gefühle entgegenbrachten. Erst in der modernen Kindheit würden sie um ihrer selbst willen geliebt und in ihrem Kindsein respektiert.

Das war aber nicht so. Das zeigen Forschungsergebnisse seit den 1980er Jahren. Dort wird angenommen, dass das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, nämlich gegenseitige Liebe, aber auch gelegentliches Genervtsein, seinen Ursprung in der Biologie hat. Diese Untersuchungen werden in sozialwissenschaftlichen und pädagogischen Fachkreisen aber kaum zur Kenntnis genommen.

Ist das ein Problem? Wir meinen ja, denn:

1) Wenn man unterstellt, dass etwas so Fundamentales wie Elternliebe allein abhängig ist von der Art der Kultur, in der man lebt, dann braucht man auch nicht danach zu fragen, inwieweit andere Aspekte der Kindheit wie ein durchgetakteter Alltag mit wenig körperlicher Bewegung und selbstbestimmten Spiel eigentlich mit den biologischen Anlagen von Kindern übereinstimmen.

2) Wenn man unterstellt, dass Kinder in der traditionalen Kindheit emotional vernachlässigt wurden, was man Kindern zu Recht nicht zumuten möchte, dann regt das auch nicht an zu fragen, was denn an dieser Form von Kindheit positiv sein könnte, was man als Anregung für ein kindgerechtes Aufwachsen in unserer Zeit mitnehmen könnte.

Literatur:

Richard-Elsner, Christiane (2015): Der Mythos von der Entdeckung der Kindheit. In: Unsere Jugend 67 (10), S. 455–463.
Ariès, Philippe (Hg.) (1976): Geschichte der Kindheit. 2. Aufl. München [u.a.]: Hanser.

 

CRE

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